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Home Office

erstellt von Éric Dumonpierre zuletzt verändert: 23.03.2019 15:38

Die Idee, dass Arbeit und Freizeit, private und soziale Verpflichtungen einigermassen gleichberechtigt nebeneinander stehen und in eine Balance gebracht werden können, ist neu. Sie allein zeugt schon davon, wie gut es vielen von uns in der heutigen Arbeitswelt geht. Menschen in der vor-industriellen Zeit, die geprägt war von der Landwirtschaft und Handwerk, richteten ihren Arbeitsalltag eher an Tages- und Jahreszeiten aus denn am Beginn des Yogakurses oder der Einschulungsfeier der Kinder. Auch später, zu Zeiten der Industrialisierung, fragte keiner danach, wann die schlecht bezahlten Arbeiter sich wohl erholen könnten. Wer nicht mehr funktionierte, wurde ausgetauscht. Die Warteschlangen der Arbeitslosen waren lang. Auch das ist Ausdruck des enormen materiellen Wohlstands, der guten wirtschaftlichen Lage und unser Exportstärke. Die Menschen in Deutschland werden immer älter, die Wirtschaft klagt von Jahr zu Jahr mehr über fehlende Fachkräfte. Selten hatte Home Office einen solchen Charme sich flächendeckend und Branchen-übergreifenden durchzusetzen. Heute müssen Unternehmen die Zufriedenheit ihrer Mitarbeitenden ernst nehmen und überlegen, was sie ihnen anbieten können, um qualifiziertes Personal zu halten. Manche Firmen kümmern sich für ihre Angestellten sogar um die Betreuung des Hundes. Es gibt Teilzeit- und Jobsharing-Angebote und immer mehr die Möglichkeiten, Zuhause zu arbeiten. Irgendwann kann hoffentlich kein Arbeitgeber mehr den Wunsch nach Jobsharing einfach beiseite wischen.

Die Vorzeichen haben sich geändert. Nicht die Arbeitnehmer sollten um Hilfe kämpfen müssen. Konsens ist, dass sie auch im Arbeitsrecht Unterstützung bekommen (Anrecht auf Weiterbildungs-Urlaub; Brückenteilzeit-Gesetz) - etwa bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Regelungen zur Teilzeit, Rechtsanspruch auf Krippenplätze: all das erleichtert die Rückkehr in den Beruf und macht es selbstverständlicher, dass auch Frauen arbeiten. Besonders die Zahl der Frauen in Führungspositionen und in den Chefetagen wächst deutlich zugunsten einer paritätischen Gleichstellung in Karriere und Gehaltsniveau. Natürlich ist noch nicht alles gut. Dennoch: der Weg in eine selbstbestimmte, Zeit- und Orts-unabhängige Arbeitswelt ist unabwendbar. Aktuell erst setzte die IG Metall in ihrem Tarifabschluss durch, dass vor allem belastete Gruppen wie Schichtarbeiter, Eltern kleiner Kinder und Leute, die Angehörige pflegen, statt einer Zahlung acht zusätzliche freie Tage beantragen können. Allein in NRW entschieden sich im Laufe des vergangenen Jahres 72.000 Metaller für die Zeit statt für das Geld. Die Zeit für die Familie, für Freizeit und Erholung wird immer wichtiger. Wo früher Karriere und Leistung alles galt, gewinnt die Lebenszufriedenheit und Selbstverwirklichung an Bedeutung. Wer heute einen Job hinschmeisst wird eher bewundert als verachtet. Höchste Zeit, unser Leben und Arbeiten einmal positiv zu betrachten und über die Work-Life-Balance beim eigenen Arbeitsgebers nachzudenken und Home Office einzufordern. In der Realität gibt es tatsächlich gut funktionierende Hybrid-Modelle, die die Vorteile beider Welten verbinden: ruhige Arbeitstage zu Hause, ohne Meetings und ständige Unterbrechungen, und kommunikative Arbeitstage vor Ort mit den Kollegen, inklusive Tratsch an der Kaffeemaschine. Home Office Regelungen werden auf jeden Fall immer grosszügiger ausgelegt. Was es braucht, sind Unternehmenskulturen, in denen auf Arbeitsergebnisse geachtet wird und nicht auf bestimmte Zeiten, die zwanghaft an bestimmten Orten abgesessen werden. Vertrauensvorschuss, in denen Heimarbeiter nicht von vornherein der Faulheit bezichtigt werden. Dass das manchmal noch nicht zufriedenstellend klappt, liegt auch an den unorganisiert, analog arbeitenden Vorgesetzten und ist kein Argument gegen die Heimarbeit an sich. Viele Frauen und mittlerweile auch Männer mit Kindern entscheiden sich sonst gegen eine feste Berufstätigkeit. Ob ihre Chefs damit wirklich glücklicher sind?

Auch abseits der Schadenfreude kann man einiges für Home Office einwenden. Ohnehin wird hier oft ein Zerrbild der Berufswelt gezeichnet: Arbeitgeber wollen immer noch zwanghaft kontrollieren, am liebsten alle Schützlinge ins Grossraumbüro stecken, wo ihre Kontrolle gross und die Privatssphäre klein ist. Tatsächlich aber räumen erfolgreiche und nachhaltige Unternehmer im Wettbwerb heute schon freiwillig die Möglichkeit zur Heimarbeit ein, wie regionale Beispiele von Bertelsmann, Oetker, Thyssen und Miele zeigen. Das lästige Pendeln fällt weg, man ist zuhause, wenn der Postbote klingelt; man braucht sich nicht über Handwerker zu ärgern, die ihr Kommen in fünfstündigen Zeitfenstern ankündigen und man kann nebenher auch nach den Kindern gucken. Wenn sich bei der Arbeit zwischendurch die Katze auf das Notebook setzt, ist das sicher auch mal ganz nett und entspannt. Wäre Heimarbeit selbstverständlicher, wäre einiges gewonnen. Vielleicht macht es leider grundsätzlich Druck nachzuweisen, dass wir arbeiten und nicht faul und/oder kreativ auf dem Sofa liegen. Latentes Dauermisstrauen kann schon ganz schön stressig sein! Ist Heimarbeit also doch mehr Fluch als Segen? Es bleiben die innerfamiliären Konflikte zwischen Erwerbsarbeit, Hausarbeit und Freizeit. Zwar ist rasch daher gesagt, dass natürlich vor allem die sowieso schon gestressten Muttis von zu Hause arbeiten. Oder diejenigen, die nebenher den dementen Opa pflegen. Welche Chancen sich letztlich für Unternehmen und Mitarbeitende manifestieren, hängt entscheidend davon ab, wie genau Homeoffice im Betrieb faktisch gestaltet und umgesetzt wird. Der digitale Wandel in der Arbeitswelt macht vieles einfach einfacher.

 


Varianten

  • Sitra4.0
  • Arbeit
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